Sergijew Possad: Ein Tag an der Mauer, die fünfzehn Monate hielt
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Der Vorortzug aus Moskau braucht gut eine Stunde. Vom Bahnhof laufen alle in dieselbe Richtung, und am Ende dieser Richtung steht das Bild, das du schon kennst: anderthalb Kilometer Mauer, blaue Kuppeln mit goldenen Sternen.
Der Rat für diesen Tag ist trotzdem, nicht sofort hinzugehen.
Denn was diesen Ort ausmacht, siehst du von innen nicht mehr, und was hier passiert ist, steht an keiner Wand.
Erst der Blick, dann das Kloster
Auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Kloster, an der Kreuzung von Sergijewskaja und Wosnessenskaja, liegt die Blinnaja Gora, der Pfannkuchen-Hügel. Von dort siehst du die Anlage als Ganzes: die Kuppeln, den Glockenturm, die Mauer, die das alles zusammenhält.
Es stehen feste Ferngläser da, kostenlos, und daneben sitzt das Touristeninformationszentrum. Zehn Minuten Umweg, mehr ist es nicht.
Sobald du drin bist, verlierst du diesen Blick. Innen ist die Lawra ein enger Hof mit über fünfzig Gebäuden, in dem du immer nur das nächste siehst.
Der Mann, nach dem die Stadt heißt, kam aus Rostow
Er hieß nicht Sergius. Getauft wurde er auf den Namen Warfolomej, in einem Dorf namens Warniza bei Rostow Weliki, weiter draußen an derselben Bahnstrecke.
Die Familie war Rostower Bojarenadel und verarmte, als Moskau unter Iwan Kalita die Oberhand gewann und die Abgaben stiegen. Sie zog nach Radonesch, südlich der heutigen Stadt. Die Eltern, Kirill und Maria, gingen in den 1330er Jahren ins Kloster von Chotkowo und starben dort 1337.
Um 1337 baute der Sohn mit seinem Bruder Stefan eine Zelle und eine Holzkirche auf einen bewaldeten Hügel, den Makowez. Aus dieser einen Zelle ist alles geworden, was du heute anschaust. Er starb am 25. September 1392. Als man 1422 sein Grab öffnete, galten die Gebeine als unversehrt, und im selben Jahr entstand die Dreifaltigkeitskathedrale, die bis heute das älteste Gebäude des Klosters ist.
Der Taufname steht in der Vita, das Geburtsjahr nicht. Die Forschung schwankt zwischen 1314 und 1322. Wer dir vor Ort eine genaue Jahreszahl nennt, nennt eine von mehreren.
Fünfzehn Monate und neun Tage
Das ist die Geschichte, die dieser Mauer ihre Bedeutung gibt, und sie steht auf keinem Schild am Eingang.
Am 23. September 1608 schlossen die Truppen des Hetmans Jan Sapieha und des Obersten Alexander Lissowski das Kloster ein. Draußen standen nach den Schätzungen der Forschung zehn- bis fünfzehntausend Mann. Drinnen saßen 2.300 Bewaffnete und ungefähr tausend Unbewaffnete, Mönche wie Bauern.
Der erste Sturm scheiterte im November. Im Dezember brach im Inneren der Skorbut aus und hörte den ganzen Winter nicht auf. Der dritte große Angriff kam am 7. August 1609 und ging unter, weil die Belagerer sich untereinander zerstritten. Am 12. Januar 1610 brachen Entsatztruppen unter Michail Skopin-Schuiski durch.
Fünfzehn Monate und neun Tage. Die überlieferten Verlustzahlen der Eingeschlossenen nennen 797 Mönche und mehr als zweitausend Strelizen und Klosterdiener.
Wenn du danach an der Mauer entlanggehst, an den zwölf Türmen vorbei, siehst du sie anders. Es ist kein Zierwerk.
Der größte stützenfreie Saal Russlands
An der Südseite des Hofes steht ein Bau, an dem die meisten vorbeilaufen, weil die Kuppeln woanders sind. Das ist ein Fehler.
Die Refektoriumskirche, auf Russisch Trapesnaja, wurde zwischen 1686 und 1692 auf Anordnung der beiden regierenden Brüder Iwan V. und Peter I. gebaut. Ihre Fassade ist flächendeckend bemalt, schachbrettartig, in Farben, die eine Rustika aus schweren Steinquadern nachstellen. Es ist also gemalter Stein auf echtem Stein. Dazu Muschelornamente im Gesims und eine offene Galerie, die einmal um das Gebäude läuft.
Innen liegt ein Saal von 510 Quadratmetern, 15 mal 34 Meter, im Scheitel 9,8 Meter hoch. Er wird von einem Gewölbe überspannt, das keine einzige Stütze in der Mitte hat, gehalten von eisernen Zugankern. Es ist der größte stützenfreie Raum dieser Art in Russland.
Heute ist der Bau die Winterkirche des Klosters. Das heißt in der Praxis: In der kalten Jahreszeit finden dort Gottesdienste statt, und dann kommst du nicht als Besucher hinein, sondern nur als Teilnehmer. Frag am Eingang nach.
Eine Station früher aussteigen
Wer der Geschichte des Gründers folgen will, steigt auf dem Hinweg nicht in Sergijew Possad aus, sondern elf Kilometer vorher in Chotkowo. Die Elektritschka braucht für die Strecke zwischen beiden rund zehn Minuten.
Das Pokrowski-Kloster dort wird schon 1308 erwähnt und war die letzte Station der Eltern. Kirill und Maria liegen in der Pokrowski-Kathedrale, und der ältere Bruder Stefan hat hier eine Zeit lang gelebt, bevor die beiden Söhne in den Wald zogen. Zu den Reliquien kommen bis heute viele Gläubige.
Es ist ein kleines, stilles Kloster ohne Reisebusse. Nach der Lawra wirkt es wie das Vorzimmer der eigentlichen Geschichte, was es der Sache nach auch ist.
Wenn du wirklich nur einen Tag hast
- Reihenfolge: Blinnaja Gora zuerst, dann die Lawra, dort die Dreifaltigkeitskathedrale gleich zu Beginn, weil die Schlange davor im Lauf des Vormittags wächst. Refektoriumskirche danach, zum Schluss außen an der Mauer entlang.
- Zeitbedarf: Für das Klostergelände reichen zweieinhalb Stunden, wenn du nicht in jede Kirche gehst. Mit dem Museum und Chotkowo wird ein voller Tag daraus, mit dem Höhlenkloster ein langer.
- Anreise: Elektritschka ab dem Jaroslawler Bahnhof in Moskau, etwa alle halbe Stunde, gut eine Stunde Fahrt. Chotkowo liegt an derselben Strecke.
- Kleiderordnung: Sie gilt auf dem gesamten Gelände, nicht erst in den Kirchen. Ein Kopftuch bringst du besser selbst mit, als dich auf den Korb am Eingang zu verlassen.
Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Sergijew Possad.