Iwanowo: Ein Tag zwischen Wohnhäusern, die etwas anderes sein wollten
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In den anderen acht Städten dieser Reihe läufst du mit dem Kopf im Nacken. In Iwanowo brauchst du eine Karte und den Blick auf Straßenschilder, denn was du suchst, sieht von der Straße aus zunächst wie ein normales Wohnhaus.
Es sind Wohnhäuser. Sie sollten nur etwas anderes sein.
Zwischen den späten zwanziger und den mittleren dreißiger Jahren ist hier gebaut worden, was anderswo Entwurf blieb. Die wichtigsten Beispiele liegen in einem Umkreis von etwa einem Kilometer, du kannst sie an einem Vormittag ablaufen, und in fast allen wohnen bis heute Leute.
Ein Schiff am Prospekt Lenina
Anfangen kannst du am Haus-Schiff, Prospekt Lenina 49, gebaut 1929 bis 1930 von Daniil Fridman. Zwei Baukörper stoßen im spitzen Winkel aufeinander: abgeschrägter Giebel und gerundete Wand ergeben den Bug, ein achtgeschossiger Turm am anderen Ende das Heck, die durchlaufenden Balkone die Decks. Das verglaste Erdgeschoss soll das Wasser sein.
Wer darin wohnen durfte, steht in den Zahlen. Der Hauptbau hatte 39 Einzimmer- und 77 Zweizimmerwohnungen, gedacht für Verwaltungsangestellte. Daneben steht ein niedrigerer, schlichterer Bau mit 96 Zweizimmerwohnungen für Arbeiter. Im Volksmund heißt er bis heute die Barge, und diese Bezeichnung sagt über die damalige Ordnung mehr als jeder Museumstext.
Ein Hufeisen und ein Vogel
Ein paar Straßen weiter, Ulica Gromoboja 13, steht das Haus-Hufeisen von 1933 und 1934, gebaut von A. I. Panow. Sechs Geschosse, 104 Wohnungen, unten ein Laden. Von der Straße siehst du eine halbrunde Fassade; die Form erkennst du erst auf dem Stadtplan.
Und sie ist kein Sinnbild. Der Halbkreis kam zustande, weil der Auftraggeber verlangte, so kompakt wie möglich zu bauen. Die Geometrie ist eine Rechenaufgabe, kein Symbol.
Genauso funktioniert das Haus-Vogel am Prospekt Lenina 53, eine Schule, die Wassili Pankow 1927 und 1928 baute. Auf dem Grundriss breitet der Bau seine Flügel aus. Aus Augenhöhe ist er ein langgestrecktes Schulgebäude mit viel Fensterfläche und einem auffälligen Turm zur Straße hin.
Diesen Turm hatte der Architekt als Sternwarte geplant, mit einem Fernrohr für den Astronomieunterricht. In einer Schule, in einer Textilstadt, 1928.
Das ist die Eigenart dieser Stadt: Die Bilder, nach denen die Häuser benannt sind, waren nie für Fußgänger gedacht. Sie waren für den Plan gedacht, und für die Idee dahinter.
Ein Haus, das man nur zum Arbeiten verlassen sollte
Das radikalste Stück ist das Haus-Kollektiv von Ilja Golossow, gebaut zwischen 1929 und 1931.
Der Entwurf sah keine gewöhnliche Wohnung vor, sondern einen Wohnkombinat mit größtmöglicher Vergesellschaftung des Alltags: Einzel- und Doppelzimmer, Waschräume gemeinsam für jedes Stockwerk, und in eigenen Nebenbauten Krippe, Kindergarten, Kantine, Wäscherei und ein Versammlungssaal. Der Küchentisch sollte verschwinden, weil es die eigene Küche nicht mehr geben sollte.
Das Bemerkenswerte kommt jetzt: Die Utopie wurde schon während des Bauens zurückgenommen. Die verbindenden Gemeinschaftsgänge fielen weg, aus der Kommune wurden gewöhnliche Wohnungen in gewöhnlichen Treppenhäusern. Am Ende waren es 362 davon, obwohl der Bau bis heute das Vierhundert-Wohnungen-Haus heißt.
Er steht noch, er ist bewohnt, und instandgesetzt wurde er seit der Fertigstellung nie.
Wer Konstruktivismus nur als Stil kennt, sieht hier graue Kästen. Wer weiß, was in ihnen geplant war, sieht Wohnungen, in denen die Küche wegrationalisiert werden sollte. Dasselbe Gebäude, zwei völlig verschiedene Spaziergänge.
Warum die Stadt „Stadt der Bräute” heißt
Die Redewendung ist älter als das Lied, das sie berühmt gemacht hat. Sie kommt aus der Textilindustrie: In den Fabriken, die Stoffe herstellten und bedruckten, arbeiteten überwiegend Frauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschob sich das Verhältnis noch weiter.
Festgesetzt hat sich der Name 1981, mit dem Film „Tschestny, umny, neschenaty…”. Darin singt Andrej Mironow das Lied „Nu tschem my ne para”, Musik von Jewgeni Krylatow, Text von Michail Pljazkowski. Die Zeile über Iwanowo wurde zum Spitznamen der Stadt.
Zahlen dazu gibt es auch. Für 2005 wies Goskomstat im Gebiet Iwanowo 1.247 Frauen auf 1.000 Männer aus, im russischen Durchschnitt waren es 1.158.
Abends geht die Stadt ans Wasser
Wenn der Rundgang durch die Bauten fertig ist, gehst du dorthin, wo die Iwanower selbst hingehen: an die Uwod, den Fluss mitten durch die Stadt.
Auf der Promenade steht seit 2018 ein Riesenrad, 45 Meter hoch, gebaut von einem privaten Investor. Es hat zwanzig Kabinen, und jede trägt den Namen eines Ortes im Gebiet Iwanowo. Von oben siehst du die Stadt als das, was sie ist: eine Industriestadt mit einem Fluss darin. Sie stellt nichts dar.
Am Ufer liegt das Einkaufszentrum „Serebrjany Gorod”, davor Bänke und ein Spielplatz. Es ist kein Sehenswürdigkeitenort. Genau deshalb lohnt er sich zum Schluss.
Wenn du wirklich nur einen Tag hast
- Reihenfolge: Bahnhof zuerst, der ist selbst Teil des Themas. Dann der Rundgang durch die Bauten der zwanziger und dreißiger Jahre, nachmittags das Kattunmuseum, abends die Uwod.
- Zeitbedarf: Ein Tag reicht für die Stadt. Für Palech oder Cholui brauchst du einen zweiten.
- Anreise: Mehrere „Lastotschka”-Züge ab Moskau in knapp drei Stunden vierzig, meist mit Halt in Wladimir und Schuja.
- Wann: Zwischen Mai und September, und das ist keine Bequemlichkeit. Diese Architektur lebt von harten Schatten auf hellen Flächen. Bei Nieselregen sieht sie nach Verfall aus statt nach Aufbruch.
Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Iwanowo.