Iwanowo
Die Ring-Stadt, deren Bild nicht von mittelalterlichen Kuppeln geprägt ist, sondern von Textil und Backstein: ein Wohnhaus in Schiffsform und Kleiderstoff, auf dem Traktoren gemustert sind.
Iwanowo ist der Sonderfall des Goldenen Rings. Alle anderen Städte sind wegen ihrer Klöster und Kathedralen dabei. Diese hier ist als Stadt überhaupt erst 1871 entstanden. Was sie zu bieten hat, ist nicht acht Jahrhunderte alt, sondern hundert: Textil, Backstein, Avantgarde.
Wer nur Zwiebeltürme sucht, wird enttäuscht. Wer sehen will, wie eine Utopie aussieht, die tatsächlich gebaut wurde, ist hier richtig.
Es beginnt am Bahnhof
Du steigst aus und stehst schon mitten im Thema. Iwanowo hat den größten Bahnhof Russlands in der Ästhetik des Konstruktivismus: entworfen von W. M. Kawerinski, 1933 eröffnet, bei seiner Fertigstellung der siebtgrößte Bahnhof der UdSSR, ausgelegt für 2.500 Menschen in einem einzigen riesigen Saal. In den Fünfzigern wurde dieser Saal aus statischen und funktionalen Gründen geteilt und mit Stützen verbaut. Eine Restaurierung hat ihn 2018 bis 2020 wieder freigelegt, mit restaurierten Mosaiken und Deckenzeichnungen, dazu den historischen Bodenbelägen; der rote Saal dient heute als Kunst- und Ausstellungsfoyer.
Ein Haus, das ein Schiff ist
Am Prospekt Lenina 49 steht das Haus-Schiff, 1929 bis 1930 von Daniil Fridman gebaut. Zwei Baukörper im spitzen Winkel: Der abgeschrägte Giebel und die gerundete Wand bilden den Bug, ein achtgeschossiger Turm am anderen Ende das Heck, zwei durchlaufende Balkongalerien die Decks. Das Erdgeschoss ist durchgehend verglast, das soll das Wasser sein.
Es ist kein Denkmal für ein Schiff, sondern ein reales Wohnhaus für den Alltag. Der kleinere Nachbarbau für einfache Arbeiter heißt im Volksmund bis heute die Barge.
Ein paar Straßen weiter, in der Ul. Gromoboja 13, steht das Haus-Hufeisen von 1933/34, ein halbrunder Bau, der von oben tatsächlich ein Hufeisen ergibt.
Traktoren als Stoffmuster
Das ist das Stück, wegen dem sich diese Stadt auch für jemanden lohnt, der glaubt, schon alles gesehen zu haben.
In den Depots des Museums des Iwanower Kattuns liegen rund tausend Originalstoffe und Entwürfe des sowjetischen Agitationstextils der zwanziger und dreißiger Jahre. Die Muster: Sichel und Hammer, fünfzackige Sterne, dazu Traktoren, Zahnräder, Fabrikschlote. Elektrifizierung als Ornament.
Das war keine Fahne und kein Plakat. Das war Kleiderstoff. Frauen sind in Traktoren gemustert durch die Stadt gelaufen. Im selben Haus ist die Abteilung zu Wjatscheslaw Saizew, dem Modedesigner, der hier geboren wurde und am Textiltechnikum anfing.
Und noch drei Dinge
- Das Burylin-Museum mit über 780.000 Objekten: Miniaturbücher, Uhren, die ersten Iwanower Druckstoffe, dazu eine ägyptische Mumie, die der Fabrikant Dmitri Burylin von seinen Reisen mitbrachte.
- Der Gang unter der Straße. Burylin ließ 1912 gegenüber seinem Museum sein Wohnhaus bauen und beide durch einen unterirdischen Gang verbinden, dessen Wände mit antikisierenden Reliefs und Keramik geschmückt sind. Fast hundert Jahre war er geschlossen.
- Die Schtschudrowskaja Palatka, der älteste zivile Steinbau der Stadt: im 17. Jahrhundert als Amtsstube gebaut, im 19. Jahrhundert vom Kaufmann Ossip Schtschudrow gekauft und zur Stoffdruckwerkstatt umgebaut. Die Geschichte Iwanowos in einem einzigen Gebäude.
Iwanowo ist die einzige Stadt am Ring, deren Grundton nicht Glockengeläut ist, sondern Backstein.
Lack und Miniaturen als Abstecher
Knapp 65 Kilometer entfernt liegt Palech, rund 90 Kilometer Cholui, zwei der vier klassischen Zentren der russischen Lackminiatur (neben Fedoskino und Mstjora), beide mit eigenem Museum, erstaunlich nah beieinander. Dafür brauchst du allerdings einen zusätzlichen Tag.
Wann und wie
Mehrere „Lastotschka“-Züge fahren ab Moskau in knapp 3 Stunden 40 Minuten nach Iwanowo, meist mit nur zwei Zwischenhalten: Wladimir und Schuja. Die Stadt liegt 254 Kilometer nordöstlich von Moskau und jeweils rund hundert Kilometer von Jaroslawl, Wladimir und Kostroma entfernt, ein guter Knotenpunkt für eine Rundreise.
Komm zwischen Mai und September. Das ist keine Bequemlichkeit, sondern eine Frage des Lichts: Konstruktivismus lebt von harten Schatten auf weißen Flächen. Im grauen Nieselregen sehen diese Bauten nach Verfall aus statt nach Aufbruch.