Kostroma: Ein Tag am Fluss, und was von den Legenden übrig bleibt
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Kostroma erzählt gern von sich selbst, und die bekannteste dieser Erzählungen stimmt nicht. Der Fächer, den Katharina II. angeblich aufklappte, um den Grundriss der Stadt zu bestimmen, taucht in keiner Quelle auf. Der Grundriss ist echt, der Fächer ist nachträglich dazuerfunden.
Das ist kein Grund, den übrigen Geschichten zu misstrauen. Es ist ein Grund, sie nachzuschlagen, denn dahinter steht meistens etwas Besseres als davor.
Ein Tag, der oben auf dem Platz beginnt und unten an der Wolga endet.
Der Platz heißt nach einem Bauern, und das Denkmal stand schon zweimal
Der Sussanin-Platz ist der Mittelpunkt des Fächergrundrisses. Was darauf steht, hat gewechselt.
Am 14. März 1851 wurde hier ein Denkmal des Akademiemitglieds Wassili Demut-Malinowski aufgestellt: oben auf einer Säule die Büste des jungen Zaren Michail, unten davor ein kniender Bauer. 1918 wurden Büste und Figur zerstört, 1934 verschwand der Rest.
Erst am 28. September 1967 kam ein neues Denkmal, von dem Bildhauer Nikita Lawinski. Es ist eine schlichte Kalksteinfigur, allein und ohne Zaren. Aus einem Untergebenen ist damit eine eigene Person geworden. Das ist am Denkmal ablesbar, wenn man weiß, was vorher da war.
Was von Iwan Sussanin belegt ist
Und jetzt die unbequeme Frage: Was weiß man eigentlich?
Belegt ist eine Urkunde vom 30. November 1619, nach heutigem Kalender der 10. Dezember. Zar Michail schenkt darin dem Bauern Bogdan Sobinin eine halbe Dorfflur, steuerfrei, ausdrücklich für den Dienst und, so steht es dort, für das Blut und das Ausharren seines Schwiegervaters. Der Schwiegervater hieß Iwan Sussanin, war Dorfältester in Domnino, gut sechzig Werst nördlich von Kostroma, und wurde nach dem Wortlaut der Urkunde gefoltert und getötet, weil er nicht sagte, wo der Zar sich aufhielt. Spätere Urkunden von 1633, 1644 und 1691 wiederholen das.
Nicht belegt ist alles, was die Sache berühmt gemacht hat: der Weg in den Wald, die in die Irre geführte Abteilung, der Tod im Schnee.
1862 schrieb der Historiker Nikolai Kostomarow, aus einer Anekdote sei eine allgemein anerkannte Tatsache geworden; gesichert sei nur, dass ein Bauer in der Zeit der Wirren umgebracht wurde. Sergej Solowjow hielt Kosaken oder umherziehende Räuber für wahrscheinlicher als polnisch-litauische Truppen. Michail Pogodin widersprach beiden scharf und verwies auf die Urkunden.
Was bleibt, ist ein Toter, eine Belohnung und ein Streit, der seit über hundertsechzig Jahren läuft. Für ein Denkmal reicht das erstaunlicherweise aus.
Der Pavillon, in dem Ostrowski nie gesessen hat
Vom Platz führt jede Straße bergab. Unten, an der Wolgapromenade in der Nähe des Flussbahnhofs, steht eine weiße Rotunde mit sieben Säulen. Sie heißt Ostrowski-Pavillon, und jeder fotografiert sie.
Alexander Ostrowski starb am 14. Juni 1886 auf seinem Gut Schtschelykowo im Gouvernement Kostroma. Der Pavillon wurde 1956 nach einem Entwurf des Architekten G. I. Sossimow gebaut, siebzig Jahre nach seinem Tod. Er hat dort also nie gesessen.
Berühmt wurde die Stelle trotzdem durch ihn, allerdings über einen Umweg. 1984 verfilmte Eldar Rjasanow Ostrowskis Stück „Die Mitgiftlose” unter dem Titel „Ein grausamer Roman”, und der größte Teil der Außenaufnahmen entstand in Kostroma. Wer den Film kennt, erkennt das Ufer wieder.
Zwei Legenden am selben Tag, und beide werden beim Nachschlagen kleiner. Dafür wird die Stadt größer: Sie hat einen Grundriss von 1781, einen Streit unter Historikern und ein Filmufer. Das ist mehr, als ein Fächer hergibt.
Ein Fass, in dem statt Farbe Gold war
Ein Stück flussaufwärts, im Stadtteil Debrja, steht die Auferstehungskirche auf der Debrja. Sie ist der einzige erhaltene Posad-Kirchenbau des 17. Jahrhunderts in Kostroma, gebaut ungefähr 1645 bis 1652.
Bezahlt hat sie zum größten Teil der Kaufmann Kirill Issakow aus der Gostinaja Sotnja. Und dazu erzählt man sich Folgendes: Unter den Farbfässern, die er aus England kommen ließ, sei eines gewesen, in dem statt Farbe Goldmünzen lagen. Das Geld habe er in den Bau gesteckt.
Ob das so war, steht dahin. Was sicher dasteht, ist der Bau: fünf Kuppeln auf vier Pfeilern, drei Apsiden, Galerien mit drei Vorhallen unter Zeltdächern, und an der Westseite ein Heiliges Tor aus Ziegel mit weißsteinernen Einzelheiten. Von 1964 bis 1991 war diese Kirche die Kathedrale der Diözese.
Wenn du wirklich nur einen Tag hast
- Reihenfolge: Sussanin-Platz und Handelsreihen am Vormittag, dann bergab zur Promenade, am Nachmittag mit dem Schiff oder dem Bus hinaus zum Ipatios-Kloster an der Flussmündung.
- Zeitbedarf: Innenstadt und Ufer sind ein halber Tag. Das Ipatios-Kloster mit der Holzbau-Sammlung dahinter braucht den zweiten.
- Anreise: Die „Lastotschka” ab dem Jaroslawler Bahnhof in Moskau braucht gut vier Stunden, auf der Straße sind es 344 Kilometer.
- Wann: Zwischen Mai und September, solange auf der Wolga Schiffe fahren. Kostroma ist vom Wasser aus gebaut worden und ergibt vom Wasser aus den meisten Sinn.
Alle Fakten zu Anreise und Reisezeit stehen kompakt im Städteporträt Kostroma.